Erfahrungsberichte über die Auslandsaufenthalte

Im Rahmen des Sinologie-Studiums an der Universität Tübingen verbringt man – je nach Studiengang – ein bzw. zwei Semester im chinesischen Ausland. Außerdem besteht nach dem zweiten Semester die Möglichkeit an einer Summer School der National Taiwan University teilzunehmen. 

Was genau man sich unter diesen Aufenthalten vorstellen kann, lest ihr hier.

 

Der Beijing-Aufenthalt

Der folgende Text stammt von Ascha Liang. Sie studiert Sinologie im vierjährigen Bachelor mit berufspraktischem Schwerpunkt und hat daher ihr 4. und 5. Semester am ECCS an der Beijing Universität verbracht.

Teil unseres Studiums in Tübingen ist es nach Peking zu gehen und dort für ein oder zwei Semester zu studieren, je nach dem welchen Bachelor man macht. Ich habe von den Kommilitonen aus den höheren Semestern gehört, dass es die beste Zeit des Studiums sein wird. Jetzt kann ich dem zustimmen.

 

Die Aufregung kam mit dem Buchen des Fluges nach Peking. Dann war das dritte Semester plötzlich schon vorbei und ich fing an, für ein Jahr im Ausland zu packen. Nach nur ca. zwei Wochen war ich auf dem Weg in das große, fremde Land, auf einem anderen Kontinent. Sobald ich angekommen war, ging alles ganz schnell, einziehen, orientieren und schon begann das Semester.

 

Obwohl wir schon eineinhalb Jahre Chinesisch gelernt haben, ist es mir am Anfang schwer gefallen, die Menschen in Peking zu verstehen. Ich war so starke Akzente nämlich nicht gewohnt. Deshalb war am Anfang meine erste Entgegnung: “Könnten Sie bitte langsamer sprechen?” (Aufgrund meines Aussehens wurde angenommen, dass ich Chinesisch spreche.) Der Unterricht fand zu 95% auf Chinesisch statt, sodass ich schnell meinen Standardsatz nicht mehr benutzen musste.

 

Der Unterricht hat mir an sich gut gefallen. Die Dozenten, die uns in Peking unterrichten, sind alle schon ziemlich lange im ECCS dabei. Lu Laoshi wusste zum Beispiel, was er uns zu Beginn alles zeigen muss, damit wir anfangs besser zurecht kommen. Er hat uns z.B. erklärt wie man Zug- und Flugtickets online buchen kann, wie man mit Alipay und Wechat zahlen kann, wie man ein Bankkonto eröffnet, etc.

 

Obwohl ich alle Kurse belegt habe, die angeboten wurden, hatte immer noch genug Freizeit, um Peking zu erkunden oder um mir mit Freunden in unserer Standardbar einen gemütlichen Abend zu machen. Wenn ich mal nicht in der Bar war, war ich irgendwo essen, mit meinem Tandempartner unterwegs oder Sport machen. Es gab nämlich genug Plätze an der Uni oder in den “Sportparks” - in denen sich meistens nur Senioren aufhalten - zum fit halten. Im zweiten Semester war ich dann schlauer und bin dem Mountaineering Association Peking University (山鹰社) beigetreten und habe dort mit Hunderten von Leuten zusammen Sport gemacht. Der ganze 五四-Platz war dann voll.


Beim Sport habe ich dann einige Chinesen kennengelernt und oft mit ihnen geredet, sodass sich mein Chinesisch unglaublich schnell verbessert hat. Der Unterricht in Peking hat mir natürlich auch geholfen, aber in dem Sinne, dass man viele Vokabeln und viel über die Kultur gelernt hat. Üben musste man sein Chinesisch dann selber. Deshalb fand ich es etwas schade, dass ich das erste Semester zu wenig Kontakt mit chinesischen Studenten hatte.

 

Als mein Studium in China zu Ende war, habe ich noch eine kleine Reise geplant. Sie fing in Shaoguan, Guangdong (韶关, 广东) an und endete in Kunming, Yunnan (昆明, 云南) mit 4 Zwischenstopps. Am meisten habe ich für die Zugfahrten und die Flüge bezahlt, aber trotzdem hat die dreiwöchige Reise unter 800€ gekostet (inkl. Unterkunft, Essen, Eintritte, etc.).

07 / 2017


die Summer School In Taiwan

Der folgende Text stammt von Adrian Bail. Er studiert Sinologie im dreijährigen Bachelor und hat sich während der Taiwan Summer School nach dem zweiten Semster (damals noch in Taizhong) komplett in Taiwan verliebt.

Es stimmt schon, dass ein Auslandsaufenthalt den Blick über den Tellerrand gewaltig erweitert. Für mich war das damals das erste Mal in Asien und überhaupt das erste Mal so weit weg von Deutschland. Wenn man dann plötzlich in Taipei am Flughafen aussteigt und weiß, man ist jetzt am anderen Ende der Welt, ist das schon ein überwältigendes Gefühl. Ein bisschen unheimlich, aber auf jeden Fall ziemlich aufregend. Deswegen schildere ich einfach mal ein paar Eindrücke von der Ankunft in Taiwan.

 

Bevor ich angefangen habe in Tübingen zu studieren, wusste ich eigentlich fast gar nichts über Taiwan. Am Anfang hatte ich keine Ahnung von irgendwas - und am Schluss wollte ich nicht mehr gehen. Das Leben, die Leute und das Essen dort haben mich einfach umgehauen.

 

Das Ganze ging mit einer kleinen Minikatastrophe los, denn am Flughafen war mein Rucksack an der Gepäckausgabe nirgends zu finden. Plötzlich musste ich das beherrschen, was ich seit einem Jahr lernte, oder ich würde mein Gepäck nicht wiederfinden: Chinesisch. Ob ein Jahr Studium reicht, um ins eiskalte Wasser geworfen sofort zu überleben? Es reichte. Nach einem kurzen Gespräch mit einer Angestellten am Gepäckband konnte mir die Dame helfen, den verlorenen Rucksack wieder zu finden - und auch wenn es reichlich bescheuert klingt: das war ein riesiges Erfolgsgefühl. Kaum in Taiwan gelandet und schon mithilfe von Chinesisch irgendwie aus der Patsche gekommen. Dann konnte es ja losgehen!

 

Erst einmal ging es nun daran, die zwei Kommilitonen, die zur selben Zeit landeten aufzusammeln und mit ihnen unsere taiwanesischen Buddys zu suchen, die Teil unseres Programms waren und mit uns den Bus nach Taizhong nehmen sollten. Auf einmal konnte man alle Lehrbuchdialoge abspulen, die man im Sprachkurs immer so dumm fand: Wie heißt ihr, was studiert ihr, wo kommt ihr her und vor allem…..WO GIBT ES ESSEN!? Das berühmt, berüchtigte chinesische Essen (ja, taiwanesisches Essen zählt irgendwie dazu) wollte schließlich schnellstmöglich probiert werden. Leider musste das Essen noch eine Busfahrt lang warten.

 

Als wir in Taizhong ankamen war es schon fast 22 Uhr. Für uns Deutsche schon ziemlich spät, nicht jedoch für Taiwanesen. Es war noch viel los auf den Straßen, viele Läden waren noch geöffnet, die Leute saßen draußen und es ging ziemlich turbulent zu. So lebhaft wie Taizhong ist wohl keine deutsche Stadt, dabei gilt Taizhong nicht unbedingt als die Metropole Taiwans. Unsere Buddys – sichtlich belustigt von unseren Konversationsversuchen – führten uns in ein kleines Straßenrestaurant in Campusnähe und es folgte eine kleine Ernüchterung. Denn leider sind 2 Semester ganz und gar nicht genug, um auch nur den Namen des Restaurants lesen zu können…und überhaupt: Wir hatten nicht die geringste Ahnung, wie das Zeug hieß, was dort verkauft wurde und konnten mit der Speisekarte auch erstmal wenig anfangen. Zum Glück waren ja professionelle Taiwanesen bei uns, die einfach das Hausgericht bestellten, was uns sofort alle vom Hocker gehauen hat: Danbing mit Sojamilch (nein, die hat wirklich nichts mehr der Deutschen zu tun). Es sah offensichtlich nach Omelett in Pfannkuchen eingewickelt aus, aber schmeckte einfach himmlisch. Wie machten die das nur?

 

Dabei war das Danbing nur der Anfang, es gab in den Wochen in Taiwan einfach jeden Tag neue Köstlichkeiten, die meine Geschmacksnerven fast explodieren ließen. Zum Glück gab es ein gutes Ausflugsprogramm mit vielen Fußmärschen und jede Menge zu erkunden, sonst wäre unsere ganze Klasse wohl zurück nach Deutschland gerollt.

 

Jedenfalls ging es dann satt und glücklich erst einmal ins Wohnheim. Nachdem die Buddys verschwunden waren, wollten wir uns mal alleine nach draußen wagen. Schließlich hatten wir einen der 24-Stunden Läden entdeckt, die es in Taiwan an wirklich jeder Ecke mindestens dreimal gibt und die man in Deutschland furchtbar vermissen wird. Dabei handelt es sich um eine Art Mini-Supermarkt mit nur den nötigsten Dingen, meistens auch mit einer kleinen Auswahl an warmen Essen und -für uns Austauschstudenten zu später Stunde am wichtigsten-: Natürlich auch mit Bier. Wäre es nicht schön, auch in Deutschland einfach gemütlich Nachts um halb 2 gemütlich um die Ecke zu spazieren und noch ein Bierle holen zu können? Wir entschieden uns, erstmal auf die sichere Ankunft ein Taiwanbier zu probieren und tatsächlich schmeckte es gar nicht mal so übel. Ein bisschen wässrig, aber schön kühl und leicht, passend zur drückenden Hitze auf Taiwan. Jedenfalls war ich endlich da - und nie davor hätte ich mir denken können, dass ich eines Tages mal auf einer Bettkante in einem taiwanesischen Wohnheim sitzen werde und mit meinen Kommilitonen ein Taiwanbier auf Taiwan trinken werden. Verrücktes Leben.

 

Im Laufe der nächsten Wochen in Taiwan kämpfte ich mich durch den Schriftzeichendschungel, der die erste Woche noch undurchdringlich schien, aber immer klarer wurde. Zwei Semester sind nicht viel, aber mit ein wenig Anstrengung reicht das Chinesisch zum Überleben. Die Einheimischen sind auch stets hilfsbereit, offen, herzlich und man wird gerne in Restaurants und Läden in einen kleinen Plausch verwickelt. Die Taiwanesen scheinen jederzeit gut gelaunt zu sein und begegnen einem als Ausländer meistens mit freundlicher Neugier. Aber gut, die gute Laune ist eigentlich kein Wunder bei der Auswahl an gutem Essen.

 

Sogar Freundschaften sind entstanden, die bis heute halten. Es ist unglaublich, wie gut man sich mit Leuten verstehen kann, deren Sprache man nur holprig spricht und die in einem völlig anderen Kulturkreis aufgewachsen sind. Es lässt sich nicht leugnen, dass Taiwanesen oft eine völlig andere Sichtweise als wir Deutschen haben und es für uns oft schwer ist, manche Situationen zu durchschauen. Aber trotzdem ist mir in Taiwan erst so richtig aufgefallen, dass wir - Deutsche, Taiwanesen, egal wer - einfach alle Menschen sind. Wir freuen uns über dieselben Dinge, finden dieselben Dinge nervig (Unterricht, Ausflüge, die um 8 Uhr beginnen…) und mit ein bisschen Einfühlvermögen, Höflichkeit und Offenheit kommt man gut durch. Manchmal sollte man die Dinge auch einfach nicht hinterfragen, sondern einfach für gegeben hinnehmen. Es muss nicht immer alles einen Grund haben.

 

Ich jedenfalls war diese Winterferien erst mit einer guten Freundin von damals eine Rollertour an Taiwans Ostküste machen. Es geht tatsächlich, am anderen Ende der Welt enge Freunde finden und irgendwie ist es doch das, wofür ich angefangen habe, Sinologie zu studieren: Um deutsche mit chinesisch/taiwanesischer Kultur zu verbinden, uns zu helfen, einander zu verstehen und Freundschaften über die die Kulturgrenzen hinweg zu schließen. Klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber irgendwie begreift man es erst in Taiwan bzw. China so richtig, wofür und warum man überhaupt Sinologie studiert. Es ist auf jeden Fall eine einzigartige Erfahrung.

07 / 2017